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Martinskirche Dautphe


Mittelalter

Im Jahre 791 wurde Dautphe erstmals urkundlich erwähnt. Mit großer Wahrscheinlichkeit war damals bereits eine Kirche im Ort vorhanden - zumindest eine aus Holz, denn immerhin war Dautphe im Mittelalter Sitz des Sendgerichts (unterster Gerichtsbezirk) über 17 Dörfer. Um 1100 wurde das Kirchenschiff der Martinskirche erbaut. Einziger Hinweis auf die Bauzeit ist bislang das Fischgrät- oder Ährenmauerwerk, welches am Kirchenschiff und am Wendelstein (Westbau) beobachtet werden kann. Dies kommt kaum noch nach 1200 vor. Von diesem romanischen Bau sind einige kleine Fenster mit Rundbogen (Obergaden) erhalten geblieben. Aus dieser Zeit dürfte auch der alte, fast schmucklose Taufstein aus Sandstein stammen, der heute wieder (seit 2003) im Wendelstein steht. Vor 1200 wird ein Westbau an das Kirchenschiff angebaut, getrennt durch eine Vertikalfuge: Der Wendelstein ist ein dunkler Raum fast ohne Fenster, der der Zuflucht bei Angriffen diente, ebenso wie auch die Kirchhofsmauern zu Verteidigungszwecken geplant waren. Darauf deutet das Fundament des Flankenturms hin, dessen Ausbuchtung heute noch in der Mauer zu sehen ist. Wie hoch die Mauer mindestens gewesen sein muss, kann man an dem Torbogen zum alten Dorf ahnen. Der Wendelstein war wahrscheinlich als Untergeschoss für einen Wehr- und Glocken-Turm geplant - darauf deuten die 2 Meter dicken Wände hin. Um 1250 gab man diesen Plan zugunsten eines Chorturms auf. Als mögliche Begründung dafür gilt folgende Theorie: Das IV. Laterankonzil beschloss damals in Rom die Transsubstantiationlehre - durch die Erhebung von Brot und Wein werden die Elemente substantiell verwandelt in Leib und Blut Christi. Um dieses heilige Geschehen der Gemeinde zu entziehen, wurde der Chorraum angebaut und von dem Kirchenschiff durch einen großen Triumphbogen abgetrennt. Um die Abgrenzung noch stärker zu betonen, wurde der Glockenturm darüber gesetzt. Im Chorraum spannt sich an der Decke ein gotisches Kreuzgewölbe. Der Schlussstein zeigt Christus als Lebensbaum. Nördlich ist ein Wandschrank für Abendmahlsgeräte eingelassen und an der gegenüberliegenden Seite eine Nische mit Waschbecken für die benutzten Geräte (Piscina). Die Turmtür ist außen geschmückt mit einem Tympanon mit Kreuzblattmaßwerk und Lilien. Im Zuge der Gotik werden größere Fenster auch in der Südwand des Schiffs eingebaut. Dass die Kirche in Dautphe dem Heiligen Martin von Tours geweiht ist, geht aus einem Siegel des Pfarrers (Pleban) Konrad von 1279 hervor. Seit 1423 sind die Ritter von Schenk zu Schweinsberg als Patrone für die Kirche bekannt; noch heute hat die Hermannsteiner Linie dieses Patronatsrecht inne und kann bei der Pfarrstellenbesetzung mitwirken.

Reformation und Konfessionswechsel

Um 1526 führte Landgraf Philipp der Großmütige von Hessen die Wittenberger Reformation ein. Die Losung der hessischen Reformation lautet: „Verbum Domini manet in Aeternum“ – „Das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit“ (Jesaja 40,8 – 1. Petrus 1,25). Die Emporen wurden um 1543 in die Martinskirche eingebaut und gingen rundum; der Zugang zur Empore war von Norden aus, wo heute ein vergittertes Fenster zu sehen ist. Die Apostelbilder stammen ebenfalls wohl aus dieser Zeit. Gleichzeitig dürften auch zum ersten Mal Bänke in die Kirche gekommen sein - vorher stand die Gemeinde beim Gottesdienst. 1605 findet ein Konfessionswechsel statt. Das Hinterland, zuvor lutherisch, wird nun reformiert, also die Lehre Calvins wird verbindlich. 1627 wird das Hinterland wieder lutherisch, aus dieser Zeit stammt das Kruzifix, denn die Reformierten lehnten Bilder ab. Das Kruzifix war das deutliche Zeichen: Wir sind wieder lutherisch. 1631 - während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) und nach der ersten Pestwelle (1625-27) - fertigte der Dautpher Schreiner Wilhelm Müller die Kanzel an. Sie ist im Stil der Renaissance gebaut und mit Holzeinlegearbeiten (Intarsien) kunstvoll verziert. Im Kanzeldeckel findet sich das mahnende Wort: „Ich habe dich zu einem Wächter gesetzt.“ (Hesekiel 3,17). Am Kranz darüber finden sich Engel. Der Kanzeldeckel ist – wie der Baldachin überhaupt in der Kunstgeschichte – das Symbol für den Himmel: Der Prediger, der das Wort auslegt, steht unter dem geöffneten Himmel und stellt seine Gemeinde durch die Predigt ebenfalls darunter. 1635 wurden zwei neue Glocken für die Martinskirche gegossen. In der Barockzeit (1681) werden weitere Fenster gebrochen, so dass die Kirche heller wird. 1695 hält die erste Orgel Einzug in der Dautpher Martinskirche. 1757 wird der Chorraum der Martinskirche mit Sandstein ausgelegt. Dabei wird einer der steinernen Altäre entfernt, wie auch der Taufstein. 1816 wird der Friedhof von der Kirche weg nach außerhalb des Dorfes verlegt. Nach einem Blitzeinschlag 1824 muss beim Turm der Martinskirche das Mauerwerk um ein Drittel abgetragen werden. Die ursprünglichen vier Ecktürme (wie Lixfeld und Frohnhausen/Lahn) werden durch die heutige Konstruktion ersetzt. Da die Glocken zerstört sind, müssen neue gegossen werden. 1867 wird das erste Missionsfest in Dautphe gefeiert; die Erweckungs- und dann die Gemeinschaftsbewegung hält Einzug in der Gemeinde. Die zweite Orgel wird 1890 in die Dautpher Martinskirche eingebaut. Sie bekommt ihren Platz auf der Empore über dem Altar.

Die beiden Weltkriege

Die beiden größeren Glocken der Martinskirche müssen 1917 abgegeben werden, damit sie im Ersten Weltkrieg (1914-18) zu Kriegsmaterial umgegossen werden können. Durch einen Blitzeinschlag wird der Turm der Martinskirche 1918 schwer beschädigt; ein Eisenband sichert die Statik. Nach dem Ersten Weltkrieg bekommt Dautphe 1925 wieder neue Glocken: u.a. die heutige kleine Glocke in Fis mit der Aufschrift: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Diese Glocke übersteht den Zweiten Weltkrieg. Nachdem das Eisenband beschädigt ist, muss 1936 an der Martinskirche der Turm neu gesichert werden; ein neues Zementspritzverfahren macht das möglich. 1943 müssen die beiden größeren Glocken wieder abgegeben werden, diesmal wegen des Zweiten Weltkrieges (1939-45). Beim Bombenangriff auf Dautphe, am 16. März 1945, werden die Fenster der Kirche zerstört. Der Innenputz fällt von den Wänden und damit auch die Ausmalungen. Reste sind heute noch im Chor zu sehen und an der Nordwestecke, dort wo der Kindermord in Bethlehem in Fragmenten erhalten geblieben ist.

Nachkriegszeit bis heute

1948 wird das Dach von den Schäden der Bombardierung befreit und neu gedeckt. Eine große Kirchenrenovierung, unter der Leitung von Professor Friedrich Bleibaum aus Marburg, erfolgte in den Jahren 1959/60. Die Empore im Chorraum mit Plätzen für den Pfarrer und die Pfarrfamilie wurde abgerissen, ebenso die südliche Empore (Hommertshäuser Bühne). Die verbliebene Brüstung wurde durch Elemente der abgerissenen Empore aus Obereisenhausen ergänzt. Die Apostelbilder, die zuvor an der Chorempore zu sehen waren, wurden nun an der Wand entlang aufgehangen. In die beiden südlichen gotischen Fenster mit Kreuzblattmaßwerk wurden Buntglasfenster eingebaut, die Erhardt Klonk aus Marburg gefertigt hat. Motive sind die Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten und das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen. Die flache, weiß getünchte Decke wurde durch ein bemaltes Kielbogengewölbe ersetzt; die alte Dachbalken-Konstruktion mit den Andreas-Kreuzen ist über der Westempore noch zu sehen. Über dem Südportal wurde der Tympanon eingelassen, mit der Darstellung des Martin von Tours, der seinen Mantel teilt und die andere Hälfte einem Bettler schenkt (Kopie einer mittelalterlichen Darstellung). Im Wendelstein wurde das Westportal gebrochen, ebenfalls die Oberlichter. Über die beiden Treppen ist nun die Empore zu erreichen; zuvor war der Aufgang von Norden her, wo heute das hintere Fenster unter der Empore ist. Friedrich Euler aus Hofgeismar baute 1961 die dritte Orgel in die Martinskirche ein, nachdem die vorige nach dem Bombenabwurf nur noch provisorisch bespielbar war. 1966 wurde ein neuer, vergoldeter Hahn auf die Spitze des erneuerten Turms der Martinskirche gesetzt. In den Jahren 1985/86 erweitere Wolfgang Böttner (Frankenberg) die Orgel der Martinskirche auf 22 Register (2 Manuale und Pedal, insgesamt 1558 Pfeifen). Von Juli bis Oktober 2006 wurden der Dachstuhl und das Dach der Martinskirche gründlich saniert.

(Nach: Reiner Braun, Ev.-luth. Martinskirche in Dautphe. Eckdaten zur Baugeschichte, 2. Auflage, 2007)

Besichtigung


Die Martinskirche und der angrenzende Pfarrgarten sind täglich von 09.00 bis 19.00 Uhr für Gebet und Besichtigung geöffnet.

Kontakt


Evangelische Martinskirche
Pfarrer Dr. Reiner Braun
Grüner Weg 2 • 35232 Dautphetal-Dautphe
Tel.: 06466/911717
Fax: 06466/911715
E-Mail: pfarrer.braun@martinsbote.de








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